Heimatwettbewerb 2010
24. ADAC Heimat-Wettbewerb 2010
Der Motorsportclub Bruchsal e. V. veranstaltet im Jahre 2010 zum 24. Male seinen sporttouristischen Heimat-Wettbewerb unter dem Titel :
"Adeliger Kraichgau - Adelsgeschlechter unserer Heimat"
Der Wettbewerb beginnt am 15. März und endet am 30. September. Die Nenn - und Bordkarten sollen bis 5. Okt. beim Fahrtleiter, Wolfgang Nehr, Hardtweg 49, 76707 Hambrücken eingereicht sein. Teilnehmer, deren Bordkarte nicht oder zu spät eingehen, können nicht gewertet werden.
Teilnahmeberechtigt sind alle in- und ausländischen Auto-, Motorrad-, Roller- und Mopedfahrer sowie deren Beifahrer. Da es sich um eine touristische Veranstaltung handelt, sind weder Ausweise noch Lizenzen erforderlich. Die Veranstaltung wird gewertet für das Motor -Touristik- Abzeichen aller ADAC Gaue.
Das Nenngeld beträgt :
Liebe Freunde des MSC, liebe Kraichgaufreunde,
wer an unseren Heimatwettbewerben in den vergangenen Jahren teilgenommen hat, der hat den Kraichgau in vielen Facetten kennen gelernt. Kleindenkmale, Schulen, Sagen und Märchen, Baudenkmale aller Art oder die Geschichte der Juden. Wir können da also schon etwas mitreden, wenn das Gespräch auf unsere Heimat, den Kraichgau,kommt.
Burgen, Schlösser, Burgruinen - wir haben viele gesehen bei unseren Fahrten durch diesen Landstrich. Wir hörten von Rittern, Grafen, Freiherren usw. aus vergangenen Zeiten, aber auch von Adelsgeschlechtern, die bis auf den heutigen Tag im Kraichgau wohnen. Was wissen wir aber von den Burg- und Schlossherren, wo kamen sie her und wie kamen sie zu der herausragenden Stellung unter den Bewohnern? Diese Lücke in unserem Wissen möchten wir mit dem Thema des diesjährigen Heimatwettbewerbes zu schließen versuchen. Im Zeitraffer natürlich und ohne tief in die Geschichte einzudringen - dazu reicht unser Wissen nicht und wenn, es wäre kein Platz im Rahmen unserer Veranstaltung.
Der Kraichgau war im Mittelalter im Besitz der Fürstbistümer Speyer, Mainz und Worms, dem Kurfürsten der Pfalz und der Herzöge von Württemberg. Sie belehnten hervortretende Personen mit Ländereien einschließlich der dort vorhandenen Orte und den darin lebenden Menschen. Das gab es nicht umsonst. Dafür mussten sie Abgaben in Form von Naturalien und Geld, aber auch Arbeits- und Kriegsdienste leisten. Die Lehensnehmer taten das gleiche von ihren Untertanen und sicherten sich so Macht, Einkünfte und Vermögen.
Aus der Verpflichtung zum Dienst bei Streit, Händel und Kriege entstand der Ritterstand. Man kämpfte damals noch mit Ross und Schwert. Das konnte nicht jeder und so bildete sich eine aus dem Bauernstand herausgehobene elitäre Gruppierung, die ihre Dienste den Krieg führenden Fürsten anboten (expl. Franz von Sickingen). Außer diesen reichsunmittelbaren Ritterschaften gab es auch eine Reichsritterschaft, die nur dem Kaiser zu Diensten war.
Die Kraichgauer Ritter führten aber nicht nur Kriege und knechteten ihre Untergebenen, sie bauten auch Burgen und Herrensitze und trachteten nach Ausweitung ihrer Besitztümer und lebten von den Abgaben der Untertanen recht ordentlich. Sie übten im Auftrag der Landesherren auch ministerale Funktionen aus und trugen Sorge für das Wohlergehen der Leibeigenen. Um ihre wirtschaftlichen und sozialen Ansprüche und ihre Unabhängigkeit gegenüber Fürsten und Städte zu wahren, aber auch zur Pflege der Gemeinschaft, schlossen sie sich im so genannten Ritterbund zusammen. Es gab den Ritterkanton Kraichgau, der nominell bis zum Jahre 1803 bestand. Ein Vorläufer war die "Turniergesellschaft zum Esel", die auch gesellschaftlichen und vergnüglichen Zwecken diente.
Entscheidende Verdienste erlangten die Kraichgauer Adelsfamilien im 16. Jahrhundert. Aus den Rittern "die auf ihren Burgen hausten", waren im Laufe der Zeit einflussreiche, hochgebildete aber auch fromme Adelige geworden, die an den Fürstenhöfen und in der Kirche hochdekorierte Posten inne hatten. In unserem Bereich war es in weltlichen Angelegenheiten hauptsächlich der Hof in Heidelberg. Hier begegneten zahlreiche Angehörige der Kraichgauer Ritterschaft im Jahre 1518 dem Augustinermönch Martin Luther, der dort dem Ordenskapitel der Augustiner seine 40 Thesen zur Erneuerung des Glaubens vortrug. Es spricht für die Stellung der Kraichgauer Edelleute, dass sie dazu eingeladen waren. Die Idee der "Reformation" zündete bei ihnen.
Besonders die Ritter von Gemmingen aber auch zahlreiche andere Adelsgeschlechter, u.a. die Göler von Ravensburg, die von Mentzingen, Venningen, Neipperg und Sickingen, förderten die Ausbreitung des Neuen Glaubens. So entstanden schon früh ganze evangelische Dörfer, denn es galt das Recht "ius patronatus", also das Recht des Ortsherrn, einen Pfarrer einzusetzen. Die Auswirkungen der Reformation sind auch heute noch, trotz enormer Veränderung durch den Zuzug von vielen katholischen Heimatvertriebenen am Ende des 2. Weltkrieges, zu sehen. Es gibt "evangelische" und "katholische" Dörfer, also dort wo die Ortsherrschaft evangelisch wurde sind die Bürger evangelisch, Orte die zu einem Bistum gehörten, blieben katholisch. Dieser religiöse Aspekt ist mit dem Kraichgau ganz eng verbunden.
Kehren wir noch einmal zu den Adelsfamilien zurück. Viele werden uns am Ende des Heimatwettbewerbes bekannt sein. Um zu verstehen, warum Sebastian Müntzer schon vor 500 Jahren schrieb: "der Kraichgau ist fast der Edelleut", muss man wissen, dass es im Kraichgau etwa 160 Adelsfamilien gegeben hat. Die meisten von ihnen sind ausgestorben, aber bedeutende Geschlechter sind hier im Kraichgau auf ihren angestammten Gütern noch ansässig - insbesondere die Grafen von Neipperg in Schwaigern, die Freiherren von Gemmingen, die Göler von Ravensburg, die Freiherren von Massenbach, die Herren von Mentzingen ,die Freiherren von Venningen und die Grafen von Helmstatt. Durch kluge und intensiv betriebene Heiratspolitik wurden im Laufe der Jahrzehnte die Familien immer mehr miteinander verwandt. Die zahlreichen Verzweigungen der Familienlinien bezeugen dies. Einige Adelsgeschlechter nahmen erst im 19. Jahrhundert ihren Sitz im Kraichgau. So die Grafen von Yrsch in Obergimpern oder die Grafen Wiser in Siegelsbach.
Sie wurden vom wieder zum katholischen Glauben zurückgekehrten Kurfürst Karl Theodor in den Kraichgau geholt. Andere wiederum, z. B. die Freiherren von Racknitz in Heinsheim mussten aus Glaubensgründen ihrer alten Heimat den Rücken kehren. Adelsgeschlechter, die wir bei unserem diesjährigen Wettbewerb aus Platzgründen nicht beschreiben konnten, sollen aber noch erwähnt werden: in Gondelsheim die Grafen Douglas, in Obergrombach die Herren von Bohlen und Halbach, die Freiherren von St. Andre in Königsbach, die Grafen von Degenfeld-Schonburg in Stebbach, in Nußloch die Bettendorfs und die Herren von Ranzau in Fürfeld. Sie alle leben und arbeiten noch im Kraichgau - unter uns und als "normale" Bürger.
Durchfährt man den Kraichgau mit offenen Augen findet man in fast jedem Ort Spuren der Geschichte des Adels. Hartmut Riehl aus Hoffenheim, Autor von zwei informativen Kraichgaubildbänden und zahlreicher heimatgeschichtlicher Veröffentlichungen, dem ich an dieser Stelle herzlich für viele Informationen danken möchte, hat im Kraichgau 120 Schlösser, Burgen und Burgruinen (auch abgegangene) nachgewiesen.
Doch sollten wir trotz allem Respekt für die Leistungen der Kraichgauer Adelsfamilien nicht den geschichtlichen und gesellschaftlichen Wert Kraichgauer Bürger in allen Jahrhunderten vergessen. Sie haben das Land ebenso mitgeprägt. Sei es als Bauer, Hausfrau, Geistliche, Unternehmer oder als Verantwortliche in den Städten, Orten und Gemeinden. Alle haben ihren Beitrag geleistet für unsere Heimat, den unvergleichlichen Kraichgau.
Die Touristikleitung wünscht wie immer viele schöne Entdeckungen bei der Fahrt durch die Landschaft des Kraichgaus und eine Erweiterung des Wissens um die Geschichte unserer Heimat.
Karlheinz Häcker
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